· PKS Redaktion · Konzepte · 12 min read

Weniger Spielzeug, mehr Spiel: was japanische Kitas zeigen

In japanischen Kitas ist die Ausstattung messbar schwächer als in den USA, der Umgang zwischen Erwachsenen und Kindern dafür stärker. Was das fürs Kinderzimmer heißt.

Weniger Spielzeug, mehr Spiel: was japanische Kitas zeigen

Das Regal ist voll. Die Kiste darunter auch. Und das Kind steht davor, zieht eine Sache heraus, legt sie nach vier Minuten wieder hin und fragt, was es denn jetzt machen soll.

Wer diesen Moment kennt, hat wahrscheinlich schon einmal gedacht: Vielleicht ist es einfach zu viel. Der nächste Gedanke geht dann meistens Richtung Aussortieren, Rotieren, Kisten packen. Die üblichen Ratschläge eben.

Es gibt ein Land, in dem jemand nachgesehen hat, was in Kindergruppen tatsächlich passiert — mit einem Bogen, Gruppe für Gruppe, über zwei Jahre. Das Ergebnis ist nicht das, was man erwartet. Und es hat mit dem Regal erstaunlich wenig zu tun.

Japan gilt in Elternforen seit Jahren als das Land der durchdachten Kinderzimmer: Holz, Ordnung, alles auf Augenhöhe, jedes Ding an seinem Platz. Wir sind mit genau dieser Erwartung in die Recherche gegangen. Herausgekommen ist das Gegenteil, und das war unangenehm genug, um einen Artikel wert zu sein.

Was in japanischen Kitas gemessen wurde

Ein japanisches Team hat zwischen 2017 und 2019 achtundachtzig Gruppen in staatlich anerkannten Ganztagskitas der Kantō-Region rund um Tokio besucht. Geschulte Beobachter kamen morgens um neun und blieben dreieinhalb Stunden. Bewertet wurde mit ECERS-3 — einem Bogen aus den USA, den man weltweit einsetzt, um zu erfassen, was in einer Kindergruppe zwischen Menschen wirklich vorgeht. Sieben Punkte sind das Maximum. Beobachtet wurden Dreijährige, Fünfjährige und altersgemischte Gruppen. Die Zahlen stehen offen zugänglich in PLoS ONE.

Was am Ende herauskam, ist unbequem für alle, die sich japanische Kitas als perfekt eingerichtete Holzwelten vorstellen.

Bereich (ECERS-3, höchstens 7 Punkte)JapanUSA
Raum und Möbel3,50
davon: Möbel für Spiel und Lernen2,454,05
Lernangebote2,21
Umgang miteinander4,76
davon: Erzieherin und Kind5,244,97

Der schwächste Wert im ganzen Bogen sind die Lernangebote. 2,21 von 7. Der stärkste ist der Umgang miteinander, und beim direkten Kontakt zwischen Erzieherin und Kind liegt Japan sogar über dem amerikanischen Vergleichswert. Bei den Möbeln, an denen Kinder spielen und lernen, ist es exakt umgekehrt: gut vier Punkte in den USA, keine zweieinhalb in Japan.

Kurz gesagt: Das Material ist dünn. Der Umgang ist stark.

Wir halten das für den interessantesten Satz, den man über frühe Bildung in Japan sagen kann — vorausgesetzt, man liest ihn richtig. Und genau da wird es heikel.

Denn die Forscher schreiben selbst dazu, dass ECERS-3 in den USA entstanden ist und man in anderen Kulturen vorsichtig damit umgehen muss. Sie deuten die niedrigen Werte nämlich gar nicht als Mangel. Sie lesen sie als eine andere Idee davon, was ein guter Kindergarten ist. Japanische Kinder, schreiben sie, bewegten sich frei durch Räume und Gelände und wählten selbst, womit sie sich beschäftigen, ohne dass Erzieherinnen ihnen etwas vorlegen oder eingrenzen. Ein zweiter Satz bleibt hängen: Dass Geräte und Material im Raum stehen, zählt nach den Maßstäben von ECERS-3 nicht als Leistung.

Das ist kein Kleingedrucktes. Das ist der Punkt.

Fast alle Kinder, große Gruppen, wenig Vorgabe

Um die Zahlen einordnen zu können, hilft ein Blick auf das System dahinter. Prof. Mikiko Tabu hat es dem Deutschen Jugendinstitut in einem ausführlichen Interview beschrieben.

Praktisch alle japanischen Kinder gehen in eine Kita: rund 99 Prozent der Fünfjährigen. Vorweg etwas, das man nicht überspringen sollte — Japan hat zwei Systeme nebeneinander. Den Kindergarten am Vormittag und die Ganztagskita für berufstätige Eltern. Gemessen wurde in den Ganztagskitas. Tabu spricht über beide.

Groß sind die Gruppen in beiden. Im Kindergarten bis zu 35 Kinder, altersgleich zusammengesetzt, eine Fachkraft auf fünfzehn bis dreißig. „Es variiert stark”, sagt Tabu über den Schlüssel. Wie viele Kinder in den achtundachtzig gemessenen Gruppen saßen, steht in der Studie nicht.

Landesweite Bildungspläne gibt es seit 1989, überarbeitet 2008. Was es nicht gibt: eine nationale Stelle, die nachprüft, wie gut die einzelne Kita arbeitet.

Legt man diese Angaben nebeneinander, sieht man ein System, das auf sehr viele Kinder pro Erwachsenem ausgelegt ist, wenig Material im Raum hat, kaum zentral kontrolliert wird — und beim Umgang zwischen Menschen trotzdem gut abschneidet. Genau das ist die Merkwürdigkeit, an der man hängen bleibt. Ein deutscher Kita-Träger würde bei diesen Rahmenbedingungen ziemlich sicher schlechtere Werte erwarten.

Mimamoru: dabeibleiben und trotzdem nichts tun

Für das, was diese Zahlen von unten tragen, gibt es ein japanisches Wort: mimamoru, 見守る. Wörtlich etwa „sehen und beschützen”. Gemeint ist ein Erwachsener, der da ist und trotzdem nichts tut.

Drei Forschende der Universität Hiroshima haben genau das untersucht: was japanische Erzieherinnen machen, wenn Kinder streiten. Die kurze Antwort lautet — nichts. Sie bleiben in der Nähe. Sie schauen hin. Sie greifen nicht ein, auch dann nicht, wenn es laut wird. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil der Streit den Kindern gehört und die Lösung eben auch.

Hier steigen die meisten von uns aus. „Ich bin nicht da” ist das eine. „Ich bin da und halte mich raus” ist etwas völlig anderes, und es ist ungleich schwerer. Wer schon einmal danebengestanden hat, während zwei Vierjährige um denselben Bagger ringen, weiß, wie lang zehn Sekunden sein können.

Genau darin liegt der Unterschied.

Das Wort meint auch nicht, dass niemand je eingreift. Es meint, dass Eingreifen die Ausnahme ist und nicht der Normalfall. Der Erwachsene ist die Rückversicherung im Raum, nicht der Spielleiter.

Und es passt zu dem, was der Bogen misst. Wo Erwachsene wenig vorgeben, entsteht Zeit für das, was der ECERS-3 unter „Umgang miteinander” fasst: zuhören, aushandeln, Streit selbst zu Ende bringen. Wo dieselben Erwachsenen ständig ein Angebot machen, geht diese Zeit für das Angebot drauf. Das eine verdrängt offenbar das andere.

Ob das für Kinder unterm Strich besser ist, sagt die Studie ausdrücklich nicht. Was sie sagt, ist: Man kann es so machen, und dann fällt eben etwas anderes gut aus als bei uns.

Was das fürs Kinderzimmer heißt

Der praktische Teil kommt jetzt, und er kostet nichts. Kein Regalsystem, keine Kiste aus Filz, kein Abo.

Vorweg eine Einschränkung, die wir wichtig finden: Nichts davon ist aus der japanischen Studie abgeleitet. Die misst Kindergruppen, nicht Familien, und sie sagt kein Wort über Kinderzimmer. Was hier steht, ist unsere Übertragung — plausibel, aber eben eine Übertragung. Wir schreiben das dazu, weil genau an dieser Stelle sonst aus einer Zahl ein Ratgeber-Versprechen wird. Die vier Punkte unten kosten euch nichts außer Geduld, und wenn nach vier Wochen alles beim Alten ist, habt ihr nichts verloren.

Weniger sichtbar, nicht weniger vorhanden. Nicht wegwerfen — wegräumen. Was ein paar Wochen in einer Kiste im Keller liegt, ist danach wieder neu, ohne dass jemand etwas gekauft hat. Das ist der einzige Kniff in diesem ganzen Artikel, und er ist uralt.

Zählt euch selbst, nicht die Spielsachen. Eine Woche lang jedes Mal einen Strich machen, wenn ihr ungefragt eine Idee liefert. „Guck mal, du könntest doch…” Wir vermuten, die Zahl fällt bei den meisten deutlich höher aus als gedacht. Genau das ist die eigentliche Übung, nicht das Aussortieren.

Aufräumen gehört ins Spiel, nicht dahinter. Im Japanischen gibt es dafür ein eigenes Wort (お片付け, o-katazuke). Bei uns wird das Aufräumen meistens zur Strafe für das, was vorher schön war — erst der Spaß, dann die Rechnung. Das muss es nicht sein.

Beim Streit erst mal bis zehn zählen. Nicht als Methode, sondern um zu sehen, wie oft ihr überhaupt gebraucht werdet. Bei manchen Kindern ist die Antwort ernüchternd.

Nicht kommentieren, was ihr seht. Das ist der schwerste Punkt der Liste. „Oh, baust du einen Turm?” wirkt harmlos, holt das Kind aber aus dem, was es gerade macht, und macht das Spiel zu einem Gespräch mit euch. Manchmal ist das genau richtig. Meistens war es einfach Reflex.

Was danach passiert, ist übrigens selten spektakulär. Die ersten Tage nach dem Wegräumen sind oft anstrengender, nicht ruhiger — die Langeweile kommt zuerst, das Spiel danach. Wer nach zwei Tagen aufgibt, hat vor allem die eigene Geduld gemessen. Rechnet lieber mit zwei Wochen.

Für welches Alter das gilt, lässt sich halbwegs klar sagen. Zwischen drei und fünf Jahren greift es am ehesten — das ist die Spanne, die in den japanischen Gruppen beobachtet wurde, und es ist die Zeit, in der Kinder ein Spiel selbst tragen können. Bei Ein- und Zweijährigen würden wir davon abraten: Die brauchen den Erwachsenen im Spiel, und Zurückhaltung heißt dort schnell Alleinlassen. Ab acht kippt es wieder, weil Freunde und Regeln wichtiger werden als das Material im Regal. Wer also ein Kind im Kindergartenalter hat, ist bei diesem Artikel richtig.

Und ja, das klingt nach wenig für einen Artikel, der mit einer Studie anfängt. Genau das ist die Aussage. Wenn der stärkste Wert einer ganzen Kita-Landschaft beim Umgang zwischen Menschen liegt und der schwächste bei den Lernangeboten, dann heißt die naheliegende Konsequenz nicht: kaufen.

Was daran nicht neu ist

Ehrlich an dieser Stelle: Zurückhaltung der Erwachsenen ist kein japanisches Patent.

Maria Montessori hat sie zum Prinzip gemacht. Emmi Pikler auch. Und in Deutschland gibt es seit Jahrzehnten den spielzeugfreien Kindergarten, in dem für ein paar Wochen schlicht alles wegkommt — Bausteine, Puppen, Stifte, das ganze Inventar wandert in den Keller, und die Kinder machen drei Monate lang aus Decken und Stühlen ihr eigenes Programm. Wer davon zum ersten Mal hört, hält es für eine Provokation. Es ist auch eine — bloß eine, die seit Jahrzehnten in ganz normalen Einrichtungen läuft. Wer die Unterschiede zwischen den reformpädagogischen Linien sucht, findet sie bei uns im Vergleich von Montessori und Waldorf — beide arbeiten mit Zurückhaltung, aber aus entgegengesetzten Gründen.

Neu ist an alldem also nichts.

Was der japanische Befund hinzufügt, ist also nicht die Idee. Es ist der Maßstab. Ein ganzes Land arbeitet so, seit Jahrzehnten, mit landesweiten Bildungsplänen im Rücken — und jemand ist hingegangen und hat nachgesehen, was daraus wird. Diese zweite Hälfte fehlt den meisten pädagogischen Überzeugungen, unserer eigenen eingeschlossen.

Wo diese Geschichte an ihre Grenze kommt

Vier Dinge sprechen dagegen, das Ganze zu romantisieren. Sie gehören alle in denselben Artikel wie die schönen Zahlen.

Der Personalschlüssel. Zurück zu den Gruppengrößen von weiter oben. Wer allein vor zwanzig Kindern steht, hält sich nicht aus pädagogischer Überzeugung zurück — der kann gar nicht anders. Ein Teil dessen, was von außen wie eine feine pädagogische Linie aussieht, ist wohl schlicht ein Arbeitsumstand. Beweisen können wir das nicht: Wie viele Kinder in den gemessenen Gruppen saßen, hat die Studie nicht veröffentlicht. Aber wir würden das Wort mimamoru nicht benutzen, ohne die Frage danebenzustellen. Wer nur die schöne Hälfte erzählt, verkauft deutschen Eltern am Ende Personalmangel als Philosophie.

Niemand hat gezeigt, dass Kinder davon mehr lernen. ECERS-3 misst, was im Raum vorgeht — nicht, was hinten herauskommt. Keine der drei Quellen sagt etwas über Schulerfolg, Sprache oder sonst ein Ergebnis. Wer diesen Artikel als Beleg dafür liest, dass weniger Spielzeug klüger macht, liest ihn falsch.

Zwei Übersetzungen hintereinander. Ein amerikanischer Bogen, angelegt an japanische Räume, gedeutet für deutsche Kinderzimmer. Jeder dieser Schritte kostet Genauigkeit. Über den ersten schreiben die Forscher es selbst. Den zweiten machen wir hier — und sagen es dazu.

Eine Gegend, ein Kita-Typ, nicht ein Land. 88 Gruppen rund um Tokio sind nicht ganz Japan, und gemessen wurde nur in Ganztagskitas — über die Kindergärten am Vormittag sagen diese Zahlen nichts. Japan sieht national ohnehin nicht nach, wie gut seine Kitas arbeiten; auch das steht im Tabu-Interview. Wir haben es hier also mit einem Ausschnitt zu tun, nicht mit einem Landeszeugnis.

Was hier anschließt

Wenn das volle Regal bei euch eher ein Reizthema ist als ein Platzproblem, passt Reizüberflutung bei Kindern besser zu eurer Frage. Dort geht es um das Kind. Hier ging es um die Erwachsenen.

Warum Kinder für richtig gutes Spiel so wenig Material brauchen, steht ausführlicher im Artikel über Rollenspiel und So-tun-als-ob.

Und wer nach alldem doch etwas anschaffen möchte — was völlig legitim ist, wir empfehlen hier nur gerade nichts —, findet in Lernspielzeug für Kinder die Kategorien, bei denen sich das lohnt.

Häufige Fragen zu weniger Spielzeug

Wie viel Spielzeug braucht ein Kind? Eine belegte Zahl gibt es nicht, und wer euch eine nennt, hat sie sich ausgedacht. Brauchbarer ist ein Blick ins Regal: Was seit Wochen unangetastet dort liegt, spielt im Alltag eures Kindes keine Rolle mehr. Das ist der Bestand, den ihr aus dem Blick nehmen könnt, ohne dass jemand etwas vermisst.

Ist weniger Spielzeug wirklich besser für die Entwicklung? Das ist nicht belegt. Die japanischen Zahlen zeigen, dass gute Kindergruppen mit auffallend wenig Material auskommen, wenn die Erwachsenen gut mit den Kindern umgehen. Sie zeigen nicht, dass Kinder dadurch mehr lernen. Wer aussortiert, tut das für einen ruhigeren Alltag, nicht für einen Vorsprung.

Was bedeutet mimamoru? Mimamoru (見守る) heißt wörtlich etwa sehen und beschützen. In japanischen Kitas beschreibt das Wort einen Erwachsenen, der in der Nähe bleibt und trotzdem nicht eingreift, auch bei Streit unter Kindern. Der Unterschied zum Wegschauen liegt in der Anwesenheit: Es ist jemand da, er hält sich nur heraus.

Sollen wir Spielsachen wegwerfen? Nein. Wegräumen und wegwerfen sind zwei verschiedene Dinge. Eine Kiste im Keller kostet nichts, ist reversibel und macht die Sachen nach ein paar Wochen wieder interessant. Wegwerfen ist endgültig und trifft regelmäßig genau das Stück, nach dem drei Tage später gefragt wird.

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